Weiße Begeisterung (Marina M.Kolomitchouk)

Sag doch nicht, du wirst ungerne wach

und es regnet Tag und Nacht im Lande.

Sieh doch selbst: Die silbernen Girlanden

strickt der Winter seit der Mitternacht.

 

Schieb nun weg den lästigen Vorhang,

lass die kühle Luft ins dunkle Zimmer…

Halte inne: Was für weißer Schimmer-

nah zum Greifen mit der bloßen Hand?

 

Die Geschichte weißer Spinnerei

sich entfaltet hinter der Kulisse,

scharfe Kanten werden zu Umrissen

dicht bestreut mit weißem Allerlei.

 

Deine Hand mit Flocken – glühendkalt-

tastet sanft die Stirn, berührt die Wangen,

an den weichen Lippen bleibt gefangen…

Himmlisch schmeckt die eisige Vielfalt!

 

Atme frische Luft in dich hinein!

Siehst du, wie die einsame Laterne

macht die Flocken zu den kleinen Kernen,

die beim Fliegen glitzern lupenrein.

„Die Lebenszeiten“ (Marina M.Kolomitchouk)

Die Lebenszeiten, trotzige Genossen,

von dem Umtausch sind ausgeschlossen.

Es hilft nicht nach den besseren zu suchen,

Sag nicht: „Rückwärts!“ – gebacken ist der Kuchen.

Es wäre dumm zu betteln und zu feilschen.

Sag nicht: „Vorwärts!“jetzt blühen deine Veilchen.

Und wenn die Seele reift, berechtigt sind die Tränen.

Die Rolle steht, du kannst sie nicht ablehnen. ­

Aus Leseerfahrungen lernen / Textausschnitt (Christine Reiter)

Produktives Lesen, Kreatives Schreiben

oder: Wie wir von den „alten Hasen“ lernen

 N e i n –wir wollen keinesfalls Geschichten der professionellen Autoren kopieren! A b e r: Wir können durch aufmerksame Lektüre viel von den „alten Hasen“ lernen –fangen wir doch gleich damit an!

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“ –so beginnt der Monolog eines Kellners in Heinrich Bölls gleichnamiger Kurzgeschichte. Und wir Leser/innen fragen uns sogleich:

W a s ist geschehen? Um das zu erfahren, lesen wir natürlich weiter… Wir merken also: Der erste Satz ist entscheidend, der erste Satz veranlasst uns, die Geschichte weiterzulesen –oder aber sie ungelesen wegzulegen!

Nun erfahren wir in Bölls Geschichte nicht sogleich, auf welches Ereignis der Ich-Erzähler sich bezieht. Zunächst lesen wir nur, dass besagtes Ereignis dem Kellner am Heiligen Abend „die Kündigung beschert“ habe. Dann erzählt uns dieser erst einmal ausführlich, dass er am Heiligabend wie immer tadellos seinen Pflichten nachkam und einer großen Gesellschaft das Festtagsdinner ohne Zwischenfälle serviert habe. Ein Junge, der von dem Festtagsmenü nichts aß, besucht nach Feierabend des Kellners diesen in dessen Zimmer und will mit ihm Murmeln spielen. Dann heißt es wieder:

„Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können,“ und weiter gesteht der Kellner uns: „ aber ich hab’s getan, und als der Chef mich fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort.“

Nun ist die Spannung auf dem Höhepunkt und wir wollen nun endlich wissen, w a s geschehen ist! (Das mag ich nun an dieser Stelle nicht verraten, damit Sie motiviert sind, die Kurzgeschichte zu lesen…)Wir fragen uns in dem Zusammenhang des produktiven Lesens vielmehr: W i e ist es Böll gelungen, eine derartige Spannung aufzubauen? Sie ahnen es schon: Es ist dieser kleine Satz „Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“, der sich als Leitmotiv durch die Geschichte zieht und das außerordentliche Ereignis andeutet, ohne es vorwegzunehmen…

Hinter dem Gesetz (Christine Reiter)

Ich hatte von Kafkas Mann vom Lande gelesen, davon, dass man ihm keinen Einlass in das Gesetz gewährt hatte. Ich dachte, dass der Mann, der sich bis an sein Lebensende von einem einzigen Türhüter hatte abweisen lassen, vielleicht nicht hartnäckig genug, nicht energisch genug gewesen war. Er war ja eben nur ein einfacher Mann vom Lande … Vielleicht hatte ich, die ich schon so viel in der Welt herumgekommen war, mehr Geschick, ein größeres Durchsetzungsvermögen, eine bessere Menschenkenntnis und konnte „meinen“ Türhüter überzeugen, mich einzulassen? Vielleicht galten aber auch für mich als Frau andere Bedingungen, die den Einlass erleichterten?

Ich machte mich auf den Weg und erreichte schon bald das hohe, imposante Gebäude. Ich lief um das graue, fensterlose Gemäuer herum und entdeckte schließlich eine Tür – jedoch war weit und breit kein Türhüter in Sicht! Ich rüttelte an der Tür, die sich jedoch nicht öffnen ließ. Es handelte sich vermutlich um den Eingang, der für den Mann vom Lande bestimmt gewesen war und nun für immer verschlossen blieb. Wenn er jedoch seinen eigenen Eingang gehabt hatte, wieso gab es keine Tür, die nur für mich bestimmt war? Wieder und wieder lief ich um das graue, trostlose Gebäude herum, fand aber keine weitere Tür. Mutlos und erschöpft ließ ich mich auf der Bordsteinkante nieder – da entdeckte ich ein Loch in der Hauswand – groß genug, vermutete ich, um durchzuschlüpfen. Bäuchlings zwängte ich mich durch das dunkle Loch, das kein Ende zu nehmen schien. Endlich im Inneren des Gebäudes angelangt, blendete mich zunächst das Tageslicht, das, wie ich kurze Zeit darauf feststellte, durch das gläserne Dach eintrat. Ich richtete mich auf und konnte nun, da sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, viele Wege erkennen, die vor mir lagen und die voneinander durch gläserne Wände getrennt waren. Ich überlegte nicht lange und betrat den mir nächstliegenden. Immer wieder gelangte ich an Kreuzungen, ging in die eine, dann in die andere Richtung und erkannte, dass ich mich in einem Labyrinth befand.

Im Zustand völliger Verzweiflung sah ich plötzlich in der Ferne eine bunte Wiese und schöpfte neue Hoffnung. Tatsächlich gelang es mir mit großer Kraft, aus dem Labyrinth zu finden. Ich kam zu eben dieser Wiese, die ich aus der Ferne gesehen hatte, und war glücklich, im Freien zu sein, frische Luft atmen zu können. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich mich in einem paradiesischen Garten mit saftigen Wiesen sowie Bäumen und Pflanzen aller Art befand! Hungrig und durstig, wie ich mittlerweile war, genoss ich nun erst einmal einige leckere Äpfel, die hier reichlich an den vielen Bäumen hingen. Müde und erschöpft legte ich mich anschließend auf die Wiese in die warme Sonne, um mich ein wenig auszuruhen. Wie schnell war aber meine Müdigkeit verflogen, als ich in der Mauer, die den Garten umgab, ein Tor entdeckte! Meine Neugierde war geweckt, ich musste wissen, was sich hinter dem Tor verbarg. Ich sprang auf und lief auf das Tor zu, das sich entgegen meiner Befürchtung sehr leicht öffnen ließ!

Ich gelangte an eine von vielen Autos befahrene Straße und nun sah ich zum ersten Mal, seit ich in das Gebäude eingedrungen war, wieder Menschen. Menschen, die mit starren Mienen die graue Straße entlang liefen … Niemand unterhielt sich, kein Lachen war vernehmbar, trotz des Autolärms herrschte eine unheimliche Stille.

Am Straßenrand kauerte ein Mann bei einer leblos daliegenden Frau. Sein Mund bewegte sich, er sprach etwas, aber es kamen keine Laute heraus. Ich kniete mich vor ihn, um von seinen Lippen ablesen zu können, was er sprach. „Sie hat mich mit einem anderen betrogen“, hauchte er, „deshalb musste ich es tun!“

Ich erkannte nun, dass ich zu weit gegangen war.