Leichenwagen abgeschleppt (Sabine Moritz)

Das war eine Übung im Seminar „Kurzgeschichten schreiben“ der VHS Trier von Lothar Schöne. Aufgabe: aus 18 Kurzzeitungsmeldungen sich eine heraussuchen und eine Kurzgeschichte daraus machen. Aufbau: Problem, Lösung, überraschendes Ende Zeit: 15 Minuten.

Eine Zeitungsmeldung in einer Madrider Tageszeitung lautete:

„Leichenwagen abgeschleppt“

Und lakonisch stand darunter nachzulesen:

>>>Sehr genau hat es am Samstag, die Polizei von Madrid genommen und selbst nicht vor einem Leichenwagen haltgemacht, als dieser vermeintlich in einem Parkverbot stand. Gnadenlos ließ sie das Gefährt durch das örtliche Abschleppunternehmen aus dem Weg schaffen. Auch Tote haben keine Sonderrechte. <<<

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Alfredos Frau war letzte Nacht gestorben und seither grübelte er darüber nach, wie er ihr ein anständiges Begräbnis bezahlen könnte. Wie es üblich war, hatte er zunächst den Leichenbestatter gerufen, der in Funktion eines amtlichen Leichenbeschauers offiziell den Tod seiner Gemahlin bestätigen musste. Nachdem der freudlose Mann seine Pflicht getan hatte, rief Alfredo ein Beerdigungsunternehmen an, dessen Nummer er vom Leichenbestatter erhalten hatte. In dem Moment, als er gerade den Telefonhörer wieder abgelegt hatte, wusste er, was er tun musste, um auf Umwegen zu einer ordentlichen Bestattung seiner Frau zu kommen.

Der Leichenwagen stand erst eine kurze Weile vor seinem Haus, da erschien bereits ein Abschleppwagen mit der Verkehrspolizei von Madrid und nur wenige Zeit später rollte das dunkle Gefährt des Bestatters aufgebockt von dannen.

Alfredo tobte, schimpfte und drohte dem Bestattungsunternehmen und der Stadt wegen dieses Vorfalles, bis keiner mehr wagte ihm Paroli zu bieten.

 

Sonntag, fünf Tage nach dem Tod seiner Frau. Alfredo stand nun allein am Grab, noch immer den tief Trauernden für ferne Beobachter gebend. Sehr zufrieden mit seiner Glanzleistung an Schauspielkunst am Todestag seiner Gemahlin blickte er unbemerkt von zufälligen Beobachtern befriedigt lächelnd auf ein Meer an Blumen. Die Verkehrspolizei wollte sich damit für dieses dumme Missgeschick entschuldigen, nach der Anzeige eines anonymen Anrufers, einen Leichenwagen als Falschparker abgeschleppt zu haben.

 

Sabine Moritz, 2011