Aus Leseerfahrungen lernen / Textausschnitt (Christine Reiter)

Produktives Lesen, Kreatives Schreiben

oder: Wie wir von den „alten Hasen“ lernen

 N e i n –wir wollen keinesfalls Geschichten der professionellen Autoren kopieren! A b e r: Wir können durch aufmerksame Lektüre viel von den „alten Hasen“ lernen –fangen wir doch gleich damit an!

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“ –so beginnt der Monolog eines Kellners in Heinrich Bölls gleichnamiger Kurzgeschichte. Und wir Leser/innen fragen uns sogleich:

W a s ist geschehen? Um das zu erfahren, lesen wir natürlich weiter… Wir merken also: Der erste Satz ist entscheidend, der erste Satz veranlasst uns, die Geschichte weiterzulesen –oder aber sie ungelesen wegzulegen!

Nun erfahren wir in Bölls Geschichte nicht sogleich, auf welches Ereignis der Ich-Erzähler sich bezieht. Zunächst lesen wir nur, dass besagtes Ereignis dem Kellner am Heiligen Abend „die Kündigung beschert“ habe. Dann erzählt uns dieser erst einmal ausführlich, dass er am Heiligabend wie immer tadellos seinen Pflichten nachkam und einer großen Gesellschaft das Festtagsdinner ohne Zwischenfälle serviert habe. Ein Junge, der von dem Festtagsmenü nichts aß, besucht nach Feierabend des Kellners diesen in dessen Zimmer und will mit ihm Murmeln spielen. Dann heißt es wieder:

„Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können,“ und weiter gesteht der Kellner uns: „ aber ich hab’s getan, und als der Chef mich fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort.“

Nun ist die Spannung auf dem Höhepunkt und wir wollen nun endlich wissen, w a s geschehen ist! (Das mag ich nun an dieser Stelle nicht verraten, damit Sie motiviert sind, die Kurzgeschichte zu lesen…)Wir fragen uns in dem Zusammenhang des produktiven Lesens vielmehr: W i e ist es Böll gelungen, eine derartige Spannung aufzubauen? Sie ahnen es schon: Es ist dieser kleine Satz „Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“, der sich als Leitmotiv durch die Geschichte zieht und das außerordentliche Ereignis andeutet, ohne es vorwegzunehmen…

Ein Gedanke zu „Aus Leseerfahrungen lernen / Textausschnitt (Christine Reiter)“

  1. Liebe Christine, eine wunderbare, unglaubliche Geschichte auf die du mich neugierig gemacht hast, auf die Heinrich Böll den Leser neugierig macht. Ich habe sie gelesen und viel erfahren über Ebsensuppe, kleine Jungs, gute Kellner und über das Leben, wenn es passiert, manchmal, überraschend, immer wieder …
    Genial geschrieben – eben Böll!
    Es zeigt, wie wichtig der erste Satz einer Kurzgeschichte ist.

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