Der Ball (Jutta Fantes)

Traurig blickte sie ihren Freundinnen nach, wie sie die Treppe hinunterhüpften, hinein in die sonnenbeschienene Straße.

Wieder einmal durfte sie nicht mit.  Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, diesen neuen Ball, der so hoch springen sollte, kaufen zu können.  Ihren Ball selber aussuchen, in der Hand halten – ihren Ball, der nur auf sie wartete.

Statt dessen stand sie da, den Scheuerlappen in der Hand, wie jeden Samstag nach der Schule, mit kalten, roten Fingern in der kalten, weissgekachelten Metzgerei, wo blutverschmierte Messer darauf warteten, von ihr abgewaschen zu werden.  Wo die kalte Theke erwartete, von Fleisch- und Wurstresten, Fettschmieren und Finger- und Nasenabdrücken gereinigt zu werden.  (Wie sie diese Theke, dieses gefräßige Monster mit weitaufgerissenem, kaltem Maul hasste.)  Sie musste sich immer halb hineinhängen, verlor den Boden unter den Füßen, kotzte fast vor Ekel, träumte vom Großsein.  Kalter, weißer Marmor, kaltes, weißes Eis – hinter grossen Scheiben blauer Himmel, Hitze und Sonnenschein.

 

Scheuernd dachte sie an ihren Ball.  Hoffentlich suchten die Freundinnen den Richtigen aus.  Die richtige Farbe vor allem, sie hasste grün.  Rot, dachte sie, sicher würde ihr Ball rot sein.

Sie stellte sich vor, wie drei Mädchen in dem Korb mit den kleinen Bällen wühlten, um ihren eigenen Ball zu finden.  Dann, am Schluss, würden sie den vierten Ball herausnehmen, nicht liebevoll und mit Vorfreude aufs Spielen ausgesucht, das war ihr schon klar, sondern einfach nur gegriffen, ohne Beziehung, ohne Liebe, ohne wirklich zu schauen – einfach nur in den Korb gegriffen und den Einen willkürlich herausgefischt.  Irgendeinen Ball, sicherlich nicht ihren Ball.  Und sie scheuerte, wischte, trocknete ab.  Räumte die Messer zur Seite.  Und hatte Angst um ihren Ball.

Die Aufschnittmaschine musste sie noch nicht abwaschen, das war zu gefährlich, sie war noch zu klein.  Die scharfgeschliffene Scheibe hätte ihr die Finger abschneiden können, mit Leichtigkeit.  Die Fingerspitzen würden dann da liegen, wo sonst die Wurstscheiben hinfallen, dachte sie.  Sie stellte sich die abgetrennten Finger vor, würden sie eigentlich bluten? Die Hand, ja, sie würde mit Sicherheit sehr bluten.  Aber die abgeschnittenen Fingerspitzen, da ist nicht so viel drin, da kann eigentlich nicht so viel auslaufen, dachte sie.  Sie warf einen schrägen Blick auf das Edelstahlmonster, das alles in hauchdünne Scheiben zerlegte und plötzlich gruselte es ihr.

„Träumst du schon wieder? Jetzt mach schon!  Ich kann erst mit dem Putzen anfangen, wenn du endlich fertig bist.  Hast du den Kühlraum schon ausgewaschen?  Nächste Woche ist die Kühltruhe auch dran.  Die ist komplett vereist!“  Die Stimme ihrer Mutter unterbrach ihre Studien.

 

Mittlerweile schrubbte sie den Holzklotz, sie hasste ihn, er war zwar nicht so kalt wie der Rest im Laden, aber er war schmierig.  Schmierig vom Fett der Tiere, die darauf zu Kotelett zerhackt wurden.  Zu Kotelett und „Hast du vielleicht noch einen schönen Markknochen für die Suppe?“ und „Ja, schneide mir davon die Hälfte ab, es ist ein sehr schönes Bruststück!“.

 

Die Eisenbürste kratzte über die konkave Oberfläche des Holzklotzes und kleine, fettige Holzribbel sprangen auf und spritzten in die Gegend.  Bei ihrer Mutter spritzten sie nicht so durch die Gegend, da blieben sie brav und feinsäuberlich am Rand liegen, als hätten sie Angst davor, herumzuhüpfen.  Vielleicht war es aber auch nur, weil ihre Mutter größer war und viel mehr Kraft hatte.  Bei ihr, der Kleinen, war es die Wut, die Wut auf den Holzklotz, die Wut auf die Theke, die kalten Finger, die Sonne, die draußen war, aber nicht drinnen, die Wut und der Ekel, wenn die abgeribbelten Teilchen ihr ins Gesicht sprangen, diese Wut und der Ekel waren es, die am Ende die eisernen Borsten zwangen, Fussball zu spielen.

Und wieder ein neuer Angriff der gegnerischen Mannschaft.  (Das Tor – die Kacheln gegenüber.)  Sie waren schwer zu treffen.  Das andere Tor war ihre Schürze, das Aus ihr Gesicht.  Ganz langsam nahm die Bürste Anlauf, die Borsten sträubten sich etwas, bogen sich dann doch in die Gegenrichtung, krallten sich am Holz fest.  Bei der richtigen Geschwindigkeit musste sie nur ein kleines bisschen vorne anheben und die Eisenbeine schossen nach vorne und – eine ganze Ladung Bälle ergoss sich ins Tor.

„He, sag mal, spinnst du?  Kannst du nicht aufpassen?  Ich habe die Kacheln doch schon abgewaschen !  Das machst du jetzt sofort wieder sauber!“,  ihre Mutter, sehr ärgerlich.  „Außerdem ist der Klotz fast schon durch, bürste ihn ab.  Und mach voran, ich will heute noch fertig werden!“

Noch einmal in das schmierige, kalte Wasser fahren, den Lappen auswaschen – „das machst du falsch, die andere Hand gehört nach vorne, du drehst falsch herum.  Kein Wunder, dass das mit dir nichts wird!“ – als würde das etwas ändern, dachte sie, wusch gehorsam das Tor ab, das im gleichen Moment wieder zu kalten, weißen, sauberen Kacheln wurde.

Der Kühlraum sei jetzt sauber. Gott sei dank!  Sie war zu langsam, bekommt sie wieder zu hören, sie sei sowieso immer faul und langsam, deshalb musste sie, die Mutter,  den Kühlraum selber auswaschen.  Das mache sie, der Unnütz, mit Sicherheit immer alles extra!

Ist sowieso nicht mein Kühlraum, dachte die Kleine aufsässig, ist dein blöder Kühlraum!  Sie hasste diesen kalten, begehbaren Kühlschrank.  Sogar im Sommer war es eine Strafe, ihn abwaschen zu müssen.  Ein rotgekachelter Raum, abgeschlossen vom Rest der Welt, ohne Fenster, mit brummender, vereister Kühlmaschine und Tierleichen.  Nein, mit Teilen von Tierleichen, Hälften, Beinen, Herzen, Lebern, Lungen.  Gut, dass ihre Augen nach dem Schlachten immer schnell im Müll landeten  –  meistens jedenfalls, denn manchmal lag so ein großes, rundes Auge irgendwo im Hof herum und guckte sie an.  „Gestern hast du armes Auge noch geguckt, heute siehst du nichts mehr …“ dachte sie dann oft traurig, hatte einen Kloß im  Magen und Ekel im Mund.

„Ich putze vor, du wischst nach, dann sind wir schneller fertig und können im Anschluss gleich die Küche putzen! Los jetzt, mach!“

Natürlich drehte sie den Putzlappen wieder falsch herum beim Auswringen, es kostete sie immer eine enorme Kraft, dieses widerborstige Ding wollte nie, wie sie wollte.  Sowieso machte sie fast immer alles falsch.  Sie verstand nicht, wieso, sie versuchte wirklich, alles gut zu machen, so, wie es von ihr erwartet wurde, aber es ging meistens alles schief.  Irgendetwas stimmte wohl nicht mit ihr.

Da, endlich, Kinderlachen – ihre Freundinnen.  Sie jauchzten vor Freude, sprangen ihren Bällen hinterher, die sich erlaubten, egal wohin zu springen, gerade so, als wären sie lebendig.  Sie kamen schüchtern in den Laden und gaben ihr ihren Ball. „Hier, Juli, hier ist er.  Kommst du auch bald nach draußen?“ Fragende, scheue Blicke auf die Mutter gerichtet. Der Ball ist kleiner, als sie erwartet hatte, nur so groß wie ein Schweineauge, außerdem weiß, mit roter und blauer Äderung.  Ein bisschen sah er auch aus wie ein Schweineauge.  Enttäuscht schloss sie ihn ein in ihre Hand, fühlte seine Zartheit, seine Wärme und die enorme Festigkeit. „Eigentlich“, dachte sie, „eigentlich kannst du ja nichts dafür, dass du so hässlich bist, dass du aussiehst wie ein totes Auge und nicht viel Farbe abgekriegt hast!“  Und plötzlich wurde ihr ganz warm ums Herz.  Sie ließ den Ball vorsichtig in ihre Schürzentasche gleiten, liebkoste ihn noch einmal, und, glücklich den Putzlappen auswaschend, dachte sie: „Wir hatten Glück, wir zwei, wir haben uns gekriegt.  Sie haben den Richtigen gefunden, du bist mein Ball!“

 

 

 

Leichenwagen abgeschleppt (Sabine Moritz)

Das war eine Übung im Seminar „Kurzgeschichten schreiben“ der VHS Trier von Lothar Schöne. Aufgabe: aus 18 Kurzzeitungsmeldungen sich eine heraussuchen und eine Kurzgeschichte daraus machen. Aufbau: Problem, Lösung, überraschendes Ende Zeit: 15 Minuten.

Eine Zeitungsmeldung in einer Madrider Tageszeitung lautete:

„Leichenwagen abgeschleppt“

Und lakonisch stand darunter nachzulesen:

>>>Sehr genau hat es am Samstag, die Polizei von Madrid genommen und selbst nicht vor einem Leichenwagen haltgemacht, als dieser vermeintlich in einem Parkverbot stand. Gnadenlos ließ sie das Gefährt durch das örtliche Abschleppunternehmen aus dem Weg schaffen. Auch Tote haben keine Sonderrechte. <<<

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Alfredos Frau war letzte Nacht gestorben und seither grübelte er darüber nach, wie er ihr ein anständiges Begräbnis bezahlen könnte. Wie es üblich war, hatte er zunächst den Leichenbestatter gerufen, der in Funktion eines amtlichen Leichenbeschauers offiziell den Tod seiner Gemahlin bestätigen musste. Nachdem der freudlose Mann seine Pflicht getan hatte, rief Alfredo ein Beerdigungsunternehmen an, dessen Nummer er vom Leichenbestatter erhalten hatte. In dem Moment, als er gerade den Telefonhörer wieder abgelegt hatte, wusste er, was er tun musste, um auf Umwegen zu einer ordentlichen Bestattung seiner Frau zu kommen.

Der Leichenwagen stand erst eine kurze Weile vor seinem Haus, da erschien bereits ein Abschleppwagen mit der Verkehrspolizei von Madrid und nur wenige Zeit später rollte das dunkle Gefährt des Bestatters aufgebockt von dannen.

Alfredo tobte, schimpfte und drohte dem Bestattungsunternehmen und der Stadt wegen dieses Vorfalles, bis keiner mehr wagte ihm Paroli zu bieten.

 

Sonntag, fünf Tage nach dem Tod seiner Frau. Alfredo stand nun allein am Grab, noch immer den tief Trauernden für ferne Beobachter gebend. Sehr zufrieden mit seiner Glanzleistung an Schauspielkunst am Todestag seiner Gemahlin blickte er unbemerkt von zufälligen Beobachtern befriedigt lächelnd auf ein Meer an Blumen. Die Verkehrspolizei wollte sich damit für dieses dumme Missgeschick entschuldigen, nach der Anzeige eines anonymen Anrufers, einen Leichenwagen als Falschparker abgeschleppt zu haben.

 

Sabine Moritz, 2011

 

Zwei Freunde (Anita Koschorrek-Müller)

Seit meiner Kindheit verband mich mit den beiden ein inniges Verhältnis. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten verstanden wir uns blendend. Wir waren richtig gute Freunde geworden. Ich wusste, was ich von den beiden zu halten hatte und gemeinsam gingen wir über Jahre, nein, Jahrzehnte, durch dick und dünn. Eine harmonische Verbindung, die jedoch mittlerweile etwas problematisch wurde. Bisher funktionierte das Zusammenleben mit den beiden fast reibungslos. Sie waren zur Stelle, wann immer sie gebraucht wurden und ich wusste das auch zu schätzen. Es fing mit Kleinigkeiten an, die das Zusammenleben störten. Die zwei Freunde waren nicht mehr bereit, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stehen.

Ich fragte mich, warum es mit den beiden auf einmal nicht mehr so gut funktionierte? War es meine Schuld? Hätte ich diese Freundschaft mehr pflegen müssen? War alles schon zulange zu eingefahren? Vielleicht brauchten sie etwas Abwechslung? Sollte man die alten Pfade verlassen, weil man sich nach all den Jahren nichts mehr zu sagen hatte? Nein, das war es bestimmt nicht! Früher schritten wir mit einer Selbstverständlichkeit ohne zu klagen durchs Leben, die ihresgleichen suchte. Aber heute wurde alles kommentiert. Der eine quengelte neuerdings immer ein bisschen rum, und der andere, der Größere von den beiden, verstand es immer wieder zu sticheln und wurde ziemlich aufmüpfig.

Ich war ratlos, wenn ich an die gemeinsame Zukunft mit den beiden dachte. Sollte ich mehr auf sie eingehen oder sie besser ignorieren? Ich traf mich mit Bekannten und erzählte von meinen Schwierigkeiten. Viele konnten mitreden, hatten bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, und zeigten Verständnis. Auf keinen Fall sollte ich die Sache übergehen. Das könnte zur Folge haben, dass alles nur noch schlimmer würde. Manche würden im Alter eben komisch.

Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen und konsultierte meinen Hausarzt.

Der sah sich die beiden an und lobte meine Entscheidung zu ihm gekommen zu sein. Die Diagnose war erschütternd!

Der Arzt empfahl mir Einlagen. Meine Freunde wurden vermessen, erst der Rechte, der Größere von den beiden, dann der Linke.

Nach vierzehn Tagen wurden mir die Einlagen zugesandt. Ich steckte die Einlagen in meine Schuhe und es ging den beiden, nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, besser.

Die neuen Impulse taten der Freundschaft gut. Ich werde die zwei Freunde in Zukunft bei Laune halten, mit Sonderzuwendungen und ab und zu mal einem Wellness-Wochenende, in der Hoffnung, dass die beiden niemals auf die Idee kommen ihren Job an den Nagel zu hängen.

(erschienen 2012 in „Erfahrungsschatz“)

Weiße Begeisterung (Marina M.Kolomitchouk)

Sag doch nicht, du wirst ungerne wach

und es regnet Tag und Nacht im Lande.

Sieh doch selbst: Die silbernen Girlanden

strickt der Winter seit der Mitternacht.

 

Schieb nun weg den lästigen Vorhang,

lass die kühle Luft ins dunkle Zimmer…

Halte inne: Was für weißer Schimmer-

nah zum Greifen mit der bloßen Hand?

 

Die Geschichte weißer Spinnerei

sich entfaltet hinter der Kulisse,

scharfe Kanten werden zu Umrissen

dicht bestreut mit weißem Allerlei.

 

Deine Hand mit Flocken – glühendkalt-

tastet sanft die Stirn, berührt die Wangen,

an den weichen Lippen bleibt gefangen…

Himmlisch schmeckt die eisige Vielfalt!

 

Atme frische Luft in dich hinein!

Siehst du, wie die einsame Laterne

macht die Flocken zu den kleinen Kernen,

die beim Fliegen glitzern lupenrein.

„Die Lebenszeiten“ (Marina M.Kolomitchouk)

Die Lebenszeiten, trotzige Genossen,

von dem Umtausch sind ausgeschlossen.

Es hilft nicht nach den besseren zu suchen,

Sag nicht: „Rückwärts!“ – gebacken ist der Kuchen.

Es wäre dumm zu betteln und zu feilschen.

Sag nicht: „Vorwärts!“jetzt blühen deine Veilchen.

Und wenn die Seele reift, berechtigt sind die Tränen.

Die Rolle steht, du kannst sie nicht ablehnen. ­

Aus Leseerfahrungen lernen / Textausschnitt (Christine Reiter)

Produktives Lesen, Kreatives Schreiben

oder: Wie wir von den „alten Hasen“ lernen

 N e i n –wir wollen keinesfalls Geschichten der professionellen Autoren kopieren! A b e r: Wir können durch aufmerksame Lektüre viel von den „alten Hasen“ lernen –fangen wir doch gleich damit an!

Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“ –so beginnt der Monolog eines Kellners in Heinrich Bölls gleichnamiger Kurzgeschichte. Und wir Leser/innen fragen uns sogleich:

W a s ist geschehen? Um das zu erfahren, lesen wir natürlich weiter… Wir merken also: Der erste Satz ist entscheidend, der erste Satz veranlasst uns, die Geschichte weiterzulesen –oder aber sie ungelesen wegzulegen!

Nun erfahren wir in Bölls Geschichte nicht sogleich, auf welches Ereignis der Ich-Erzähler sich bezieht. Zunächst lesen wir nur, dass besagtes Ereignis dem Kellner am Heiligen Abend „die Kündigung beschert“ habe. Dann erzählt uns dieser erst einmal ausführlich, dass er am Heiligabend wie immer tadellos seinen Pflichten nachkam und einer großen Gesellschaft das Festtagsdinner ohne Zwischenfälle serviert habe. Ein Junge, der von dem Festtagsmenü nichts aß, besucht nach Feierabend des Kellners diesen in dessen Zimmer und will mit ihm Murmeln spielen. Dann heißt es wieder:

„Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können,“ und weiter gesteht der Kellner uns: „ aber ich hab’s getan, und als der Chef mich fragte: Wie konnten Sie das tun?, wusste ich keine Antwort.“

Nun ist die Spannung auf dem Höhepunkt und wir wollen nun endlich wissen, w a s geschehen ist! (Das mag ich nun an dieser Stelle nicht verraten, damit Sie motiviert sind, die Kurzgeschichte zu lesen…)Wir fragen uns in dem Zusammenhang des produktiven Lesens vielmehr: W i e ist es Böll gelungen, eine derartige Spannung aufzubauen? Sie ahnen es schon: Es ist dieser kleine Satz „Ich weiß nicht, wie es hat geschehen können“, der sich als Leitmotiv durch die Geschichte zieht und das außerordentliche Ereignis andeutet, ohne es vorwegzunehmen…

Hinter dem Gesetz (Christine Reiter)

Ich hatte von Kafkas Mann vom Lande gelesen, davon, dass man ihm keinen Einlass in das Gesetz gewährt hatte. Ich dachte, dass der Mann, der sich bis an sein Lebensende von einem einzigen Türhüter hatte abweisen lassen, vielleicht nicht hartnäckig genug, nicht energisch genug gewesen war. Er war ja eben nur ein einfacher Mann vom Lande … Vielleicht hatte ich, die ich schon so viel in der Welt herumgekommen war, mehr Geschick, ein größeres Durchsetzungsvermögen, eine bessere Menschenkenntnis und konnte „meinen“ Türhüter überzeugen, mich einzulassen? Vielleicht galten aber auch für mich als Frau andere Bedingungen, die den Einlass erleichterten?

Ich machte mich auf den Weg und erreichte schon bald das hohe, imposante Gebäude. Ich lief um das graue, fensterlose Gemäuer herum und entdeckte schließlich eine Tür – jedoch war weit und breit kein Türhüter in Sicht! Ich rüttelte an der Tür, die sich jedoch nicht öffnen ließ. Es handelte sich vermutlich um den Eingang, der für den Mann vom Lande bestimmt gewesen war und nun für immer verschlossen blieb. Wenn er jedoch seinen eigenen Eingang gehabt hatte, wieso gab es keine Tür, die nur für mich bestimmt war? Wieder und wieder lief ich um das graue, trostlose Gebäude herum, fand aber keine weitere Tür. Mutlos und erschöpft ließ ich mich auf der Bordsteinkante nieder – da entdeckte ich ein Loch in der Hauswand – groß genug, vermutete ich, um durchzuschlüpfen. Bäuchlings zwängte ich mich durch das dunkle Loch, das kein Ende zu nehmen schien. Endlich im Inneren des Gebäudes angelangt, blendete mich zunächst das Tageslicht, das, wie ich kurze Zeit darauf feststellte, durch das gläserne Dach eintrat. Ich richtete mich auf und konnte nun, da sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, viele Wege erkennen, die vor mir lagen und die voneinander durch gläserne Wände getrennt waren. Ich überlegte nicht lange und betrat den mir nächstliegenden. Immer wieder gelangte ich an Kreuzungen, ging in die eine, dann in die andere Richtung und erkannte, dass ich mich in einem Labyrinth befand.

Im Zustand völliger Verzweiflung sah ich plötzlich in der Ferne eine bunte Wiese und schöpfte neue Hoffnung. Tatsächlich gelang es mir mit großer Kraft, aus dem Labyrinth zu finden. Ich kam zu eben dieser Wiese, die ich aus der Ferne gesehen hatte, und war glücklich, im Freien zu sein, frische Luft atmen zu können. Ich sah mich um und stellte fest, dass ich mich in einem paradiesischen Garten mit saftigen Wiesen sowie Bäumen und Pflanzen aller Art befand! Hungrig und durstig, wie ich mittlerweile war, genoss ich nun erst einmal einige leckere Äpfel, die hier reichlich an den vielen Bäumen hingen. Müde und erschöpft legte ich mich anschließend auf die Wiese in die warme Sonne, um mich ein wenig auszuruhen. Wie schnell war aber meine Müdigkeit verflogen, als ich in der Mauer, die den Garten umgab, ein Tor entdeckte! Meine Neugierde war geweckt, ich musste wissen, was sich hinter dem Tor verbarg. Ich sprang auf und lief auf das Tor zu, das sich entgegen meiner Befürchtung sehr leicht öffnen ließ!

Ich gelangte an eine von vielen Autos befahrene Straße und nun sah ich zum ersten Mal, seit ich in das Gebäude eingedrungen war, wieder Menschen. Menschen, die mit starren Mienen die graue Straße entlang liefen … Niemand unterhielt sich, kein Lachen war vernehmbar, trotz des Autolärms herrschte eine unheimliche Stille.

Am Straßenrand kauerte ein Mann bei einer leblos daliegenden Frau. Sein Mund bewegte sich, er sprach etwas, aber es kamen keine Laute heraus. Ich kniete mich vor ihn, um von seinen Lippen ablesen zu können, was er sprach. „Sie hat mich mit einem anderen betrogen“, hauchte er, „deshalb musste ich es tun!“

Ich erkannte nun, dass ich zu weit gegangen war.