Der kirschförmige Beruhigungssauger (Anita Koschorrek-Müller)

Heute wird das kleine Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen. Noch ein Dankeschön an die Schwestern der Säuglingsstation und es geht nach Hause. Zufrieden liegt es in der Tragetasche, im Mund einen rosa Schnuller.

Eine aufregende Zeit beginnt! Schritt für Schritt kommt eine gewisse Regelmäßigkeit in die Symbiose zwischen Mutter und Kind.

Schlafen, stillen, wickeln und der rosa Schnuller entpuppt sich für den Part „Schlafen“ als ein unerlässliches Accessoire. Mit der Zeit wird er jedoch etwas unansehnlich. Die Kautschukmasse geht langsam in einen Auflösungsprozess über, was durch das regelmäßige Auskochen noch begünstigt wird.

Beim nächsten Einkauf im Drogeriemarkt besorge ich Ersatz, einen Classic-Sauger, Größe 1. Aber siehe da, das neue Modell ist kiefergeformt und wird nicht akzeptiert. Was nun? Oma bekommt den Auftrag einen Schnuller in runder Form zu besorgen. Am nächsten Tag kommt die Oma mit einer ganzen Schnullerkollektion angereist. Nicht ein einziger besteht den Nuckeltest. Langsam bin ich genervt!

„Die kannst du alle wieder mitnehmen! Ich habe doch extra gesagt: RUND, nicht kiefergeformt!“

Oma rechtfertigt sich: „Im Laden haben sie gesagt, ich soll unbedingt die kiefergeformten Schnuller nehmen, sonst kriegt das Kind später eine Zahnspange!“

So ein Humbug! Was interessiert mich heute, was in 12 oder 13 Jahren ist! JETZT muss dieses Kind schlafen und ich auch! Der rosa Schnuller sieht inzwischen etwas unappetitlich aus. Verzweifelt, mit schlechtem Gewissen, stecke ich ihn in den Babymund und das Kind schläft augenblicklich ein.

Am nächsten Tag rufe ich im Krankenhaus an.

„Hallo, erinnern Sie sich noch an uns? Sie haben dem Kind damals einen runden Schnuller mitgegeben, keinen kiefergeformten. Können Sie mir vielleicht sagen, woher Sie diese Schnuller beziehen. Ich brauche dringend Nachschub. Würden Sie mir bitte die Adresse ihres Lieferanten geben?“

„Ach, Abgabe nur an Großkunden! Das ist ganz schlecht!“

Ich schildere meine verzweifelte Lage. Die Kinderkrankenschwester hat Verständnis. Sie bietet mir an, der Station einen Besuch abzustatten, natürlich mit Baby, man freue sich immer ehemalige kleine Patienten wiederzusehen, und dann bekäme ich, so unter der Hand, zwei neue Schnuller.

Nach einer Spende für die Kaffeekasse trete ich am nächsten Tag, im Besitz von zwei runden Schnullern, den Weg vom Krankenhaus nach Hause an. Das Problem ist zwar nicht gelöst, aber ein Aufschub ist auch etwas wert. Der Schnuller Nummer 1 fliegt in den Müll. Das Zeitpolster von zwei Schnullern muss genutzt werden, um eine neue Bezugsquelle aufzumachen, denn auch die beiden „Neuen“ gehen irgendwann den Weg alles Irdischen. Eine Freundin gibt mir den Tipp, mal bei einem guten Fachgeschäft nachzufragen.

„Hallo, führen Sie runde Schnuller in ihrem Sortiment, keine kiefergeformten?“

„Sie meinen kirschförmige Beruhigungssauger? Selbstverständlich führen wir die!“

Mir fällt ein Stein vom Herzen! Voller Zuversicht mache ich mich auf den Weg zu dem Fachgeschäft und kaufe den kirschförmigen Beruhigungssauger. Aber erst mal nur einen, denn das Teil ist riesengroß und bleischwer.

Der Schnuller wird akzeptiert, rutscht aber aufgrund des enormen Gewichts nach einigen Minuten aus dem Babymund. Das Geschrei ist groß!

Ich rufe beim Großhändler an, dessen Telefonnummer ich im Krankenhaus erfahren habe.

„Ach, Abgabe nur an Krankenhäuser und Apotheken ab 50 Stück. Danke für die Auskunft, Auf Wiederhören!“

Ich kontaktiere die Apotheke meines Vertrauens und wir einigen uns auf eine Bestellung. Wenn der Apotheker sie nicht los wird, nehme ich alle 50.

Erschienen im Sept. 2013 in der Seniorenzeitung „Erfahrungsschatz“ der Verbandsgemeinde Trier-Land.

Alle Zeit der Welt (Anita Koschorrek-Müller)

Alle Zeit der Welt

Der Radiowecker schaltete sich ein. Sie drehte sich auf die rechte Seite und schielte zur Digitalanzeige: 06.15. Noch fünf Minuten hatte sie Zeit, dann musste sie aufstehen.

Seit sie selbst dafür verantwortlich war, pünktlich zu sein, ließ sie sich mit Musik wecken, immer fünf Minuten früher als nötig. Sie hasste Wecker, die schrille Wecksignale aussenden und Leute, die beim ersten Ton mit beiden Beinen aus dem Bett springen und laut singen. Die fünf Minuten waren ihr heilig. Sie reckte und streckte sich, genoss die wohlige Wärme in ihrem Bett. Dabei dachte sie an den vor ihr liegenden Arbeitstag, manchmal schon an den Feierabend oder an gar nichts.

Heute empfand sie während dieser fünf Minuten eine gewisse Anspannung, denn sie hatte sich etwas vorgenommen. Sie wollte einen Kollegen zur Rede stellen.

Dieser Kollege hatte einen Verbesserungsvorschlag, ihren Verbesserungsvorschlag, dem Chef vorgetragen und die Lorbeeren dafür geerntet. Gestern, kurz vor Feierabend, erfuhr sie davon. Sie sah noch, wie er mit dem Chef den Fahrstuhl bestieg und der ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Diese hinterhältige Niete hatte das schon öfter praktiziert und sich die Ideen anderer Leute zu Nutze gemacht. Eigene Geistesblitze hatte dieser minderbemittelte Strohkopf nur äußerst selten. Er war eben keine große Leuchte. Sie wusste, dass er auch immer wieder versuchte sich beim Chef einzuschleimen. Meistens nutzte er dazu die Zigarettenpausen im Raucher-Kabinett, einem kleinen Raum am Ende des Ganges, denn der Chef war Raucher. Man traf sich dort auf eine Zigarette und bei der Gelegenheit versuchte dieser Stinkstiefel sich beim Chef lieb Kind zu machen. Sie war Nichtraucherin und bekam daher nie genau mit, was da alles geredet wurde, aber sollte sie deswegen mit dem Rauchen anfangen? Sie hatte zwar ihre Quellen und wusste von ihrer Freundin Tina, einer Raucherin, wie dieser falsche Fuffziger seine Schleimspur legte. Jedes Mal, so wurde ihr berichtet, wenn er ganz zufällig den Chef dort traf, bot er ihm sofort eine Zigarette an, was er bei den Kollegen seiner Gehaltsklasse nie tat, erkundigte sich nach dem Befinden der werten Gattin und nach den schulischen Erfolgen der Sprösslinge. Traf man sich ohne Chef zur Zigarettenpause versuchte er regelmäßig bei seinen Kollegen Zigaretten zu schnorren. Er behauptetet dann seine Zigaretten in der Schreibtischschublade vergessen zu haben. Tina hatte ihm schon mal, während der Zigarettenpause, kumpelhaft auf die Brust geklopft und dabei sein Zigarettenpäckchen platt gedrückt. Aber irgendwie musste er ja die Zigaretten für den Chef einsparen, dieser knickerige Pfennigfuchser.

Heute Nachmittag war ein Mitarbeitertreffen der Abteilung angesetzt. Dabei würde sie ihn vor allen Anwesenden zur Rede stellen, einschließlich Chef. Da sollte er Farbe bekennen, diese intrigante Pfeife. Sie hatte so eine Wut im Bauch! Sie würde ihn fertig machen, vor allen Leuten runterputzen.

Oh Schreck, die fünf Minuten waren schon vergangen, es waren zehn Minuten daraus geworden. Die Zeit, die sie morgens brauchte bis sie das Haus verließ, war knapp bemessen. Jetzt musste sie sich wegen dieses scheinheiligen Patrons auch noch abhetzen. Aber Kopf hoch, heute würde sie die Schlacht schlagen und sich für alles rächen, was ihr dieser verlogene Armleuchter bisher angetan hatte, einschließlich der versauten fünf Minuten.

Sie hatte Feierabend und fuhr nach Hause. Es war alles anders gekommen, als sie es sich heute Morgen ausgemalt hatte. Den ganzen Vormittag hatte sie nach dieser Dumpfbacke Ausschau gehalten, aber er war ihr nicht über den Weg gelaufen. Zur Mitarbeiterbesprechung erschien er auch nicht. Laut Informationen des Flurfunks war er krank. Hatte ein Attest für zwei Wochen. Windpocken! Das juckt! Gott ist gerecht!

Alles, was sie sich vorgenommen hatte, war verpufft. Nichts hatte sie erreicht und ihre Wut war verraucht. Er würde mindestens vierzehn Tage, eher noch länger, nicht ins Büro kommen. Sie war sich nicht sicher, ob es ihr gelingen würde, ihre Wut auf einem möglichst hohen Level halten zu können bis dieser Blödmann wieder auf der Matte stand.

Der ganze Feierabend war von dem Gedanken vergiftet, dass sie heute Morgen fünf, ja sogar zehn Minuten ihrer kostbaren Lebenszeit, an diese linke Bazille verschwendet hatte. Sie setzte sich in ihren Lieblingssessel und haderte mit dem Schicksal. Auch die Windpocken konnten sie nur schwach über den missglückten Rachefeldzug hinwegtrösten. Sie überlegte, wie es ihr gelingen könnte, diesen Fiesling aus ihren Gedanken zu verbannen, zumindest für heute Abend oder am besten für die nächsten vierzehn Tage.

Im Wohnzimmerschrank, oberstes Fach, ziemlich weit hinten, hatte sie eine Schachtel Antidepressiva verstaut. Sie wusste, dass man von diesem Zeug süchtig wird, aber sie befand sich in einer ausweglosen Situation. Sie durchwühlte das besagte Fach, fand die Schachtel, setzte sich in ihren Sessel und riss mit fahrigen Händen die Verpackung auf. Hoffentlich war das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten. Das wäre fatal. Sie drehte und wendete die Schachtel und betrachtete sie von allen Seiten. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass diese Frist nicht abgelaufen war. Ein Zettel fiel aus dem Karton, eine Produktbeschreibung, so etwas Ähnliches wie ein Beipackzettel. Sie nahm den Zettel in die Hand und was sie dort las, klang sehr vielversprechend. Vorsichtig öffnete sie die Schachtel, um zu verhindern, dass der Inhalt, der bei diesem Drehen und Wenden um das Haltbarkeitsdatum zu erspähen, eventuell in Unordnung geraten sein könnte, heraus purzelte. Sie betrachtete den etwas durcheinander geratenen Inhalt und ihr Herz lachte. Bedächtig suchte sie aus und entschied sich für Kir-Royal Trüffel in weißer Schokolade. Sie ließ alles langsam auf der Zunge zergehen. Dann wählte sie eine Weinbrandbohne, auch nicht schlecht! Ein absolutes Highlight war Rum-Butter Marzipan umhüllt von Zartbitter-Schokolade. Das waren Momente des Glücks. Sie liebte Marzipan über alles, für Marzipan würde sie sogar einen Mord begehen.

Eine Glas Rotwein dazu wäre nicht zu verachten. In der Küche stand noch eine angebrochen Flasche ihres Lieblingsrotweins. Der passte hervorragend zu dieser Schachtel Pralinen, 200 Gramm erlesenster Qualität.

Sie würde diesen Abend genießen, denn sie hatte alle Zeit der Welt.

 

 

Lore Ley (Magdalene Huwig)

Lore bürstet lange und ausgiebig ihr blondes Haar. Sie ist in Gedanken versunken. So lange schon sitzt sie auf diesem Felsen am Strom. Sie hat einfach keine Lust mehr. Sie will nicht länger den Vorstellungen  der Sage oder der Ballade entsprechen, die  Clemens Brentano geschrieben hatte. Sie will nicht mehr dem Ansinnen eines Gedichtes von Heinrich Heine nachkommen, das sie an dieser Stelle gebannt hält. (1)

Schon seit 2oo Jahren betrachten ihre Landsleute sie als Verführerin, als Frau, die sich aus verschmähter Liebe selbst vom Felsen gestürzt habe. Oder als Frau, die den Schiffern mit ihrem Gesang den Kopf verdreht haben sollte, bis diese schließlich im Strudel des Rheins ertrunken seien.

Immer diese LiebesVerführungsdramen und die ihr zugeschriebenen Rollen, in denen sie Verderben stiftet. Ungefragt war sie da hinein gezwängt worden. – Dabei hatten ihre Landsleute noch in ganz anderen Verführungsdramen mitgespielt. Und das war erst 8o Jahre her.

Lore legt die Bürste beiseite, als ihre Kopfhaut zu kribbeln beginnt. Eine Idee ist ihr gekommen, und die will sie ausführen. Sie steht auf, kommt etwas mühsam in Bewegung und macht sich auf den Weg bergab, ans Ufer des Rheins. Im Gewirr der Gassen des kleinen Städtchens findet sie ein Geschäft, das Tauchanzüge im Angebot hat. Der Zweiteiler, den sie anprobiert, passt wie angegossen. Die hübsche Blonde bezahlt die Kaution und die Leihgebühr und nimmt den blau-gelben NeoprenAnzug mit.

Am Ufer angekommen, zieht sie sich in einer der Kabinen um. Nun gilt es, voran zu hopsen. Sie hört schon ein Rauschen,  und bald sieht sie den Strom. Sie braucht sich nur noch die paar Stufen  mit Geländer hinab zu bewegen – und kann sich ins Wasser fallen lassen.

Zuerst gewöhnt sie sich an die kühle Temperatur. Ihr Anzug schützt sie vor dem unmittelbaren Kontakt mit dem Wasser. Die Strömung nimmt sie mit flussabwärts. Trotzdem muss sie schnelle Schwimmbewegungen machen, auch mit den Fußgelenken, um Lage und Richtung beibehalten zu können. Angst empfindet sie jedoch keine. Schließlich hat sie starke Arme, und ihre Beine gewöhnen sich schnell an den neuen Ablauf.

Als sie hochschaut, staunt sie. Ihr Blick wird schon in geringer Höhe aufgehalten. Eigentlich hat sie ja den Anblick alter Burgen und Klöster an den Hängen und auf den Höhen  der Berge genießen wollen. Doch zunächst zieht ein mehrteiliger Transport auf der Straße ihre Aufmerksamkeit an. Menschen umstehen das ungewöhnliche Gefährt. Es blockiert den Verkehr. Polizisten regeln die Weiterfahrt der ankommenden Autos. Lore legt sich etwas zur Seite, um besser sehen zu können. Was wird denn da transportiert? (2)

Ein ganzer Bus etwa? Nein, es sind zwei Teile. Und sie sind auch nicht schön farbig, sie sind nur dunkelgrau. Lore kommt es nun vor, als hätte dieses Geschehen sie herunter gelockt. Sie erinnert sich wieder an die böse Zeit vor 70 und mehr Jahren. Da waren solche Busse auf dieser Straße unter ihrem FelsenSitzplatz vorbei gerollt. Die Menschen, die den Aufstieg zu ihr geschafft hatten, sprachen im Flüsterton miteinander: „Die Grete haben sie jetzt auch abgeholt.“ Dem weiteren Gespräch war zu entnehmen, dass diese Grete geistig behindert gewesen war.  Und dass man sie in einem solchen Bus in eine Stadt namens Hadamar gebracht hatte. Dort waren sie und viele weitere, unterschiedlich  behinderte Menschen getötet worden, im Sinne der gedanklichen VolksVerführung nach dem Motto: „ Heilen  des Volkskörpers durch Vernichten.“ (3)

Seitdem waren mehrere Jahrzehnte ins Land gegangen. – Gut, dass Lore endlich die Kurve gekriegt und ihren Höhenplatz verlassen hat. Obwohl sie die Geschichte, die sich  unter der dunkelgrauen Farbe der Busteile verbirgt, bedrückend findet, fühlt die hübsche Blonde sich lebendig und zuversichtlich. Sie ist aktiv geworden, hat einen  Ausflug geplant und führt ihn gerade erfolgreich durch. Hier unten spielt sich das Leben ab. Hier kommt es zu Störungen.  Hier werden Verbindungen geknüpft zwischen früher und heute. Schon kommt ihr die Idee zu einem weiteren Ausflug. Sie will herausfinden, wohin die Busteile gebracht worden sind und sich dahin auf den Weg machen. Sie sind ja zu einem Mittel kultureller Erinnerung (4,5) geworden.

Langsam schaut Lore sich um. Auch auf dem Wasser ist viel Verkehr zu beobachten. Manchmal zuckt sie zusammen, wenn  das dumpfe Tuten einer Schiffssirene ertönt. Stets schwimmt sie in Ufernähe, lässt sich vom Wasser tragen. Als sie müde und hungrig geworden ist, interessieren sie  auch die Burgen und Klöster auf den Höhen der Berge nicht länger. Sie muss einen Ausstieg finden, dann kann sie das Wasser verlassen. Am besten über Treppenstufen mit Geländer. Festhalten muss sie sich ja schon. Das erfordert ihr Nixenanzug mit Schwimmschwanz.

Quellenhinweise:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Loreley
  2. www.dasdenkmaldergrauenBusse.de
  3. Stöckle, Thomas: Das Denkmal Der Grauen Busse – Stuttgart 2009 und 2010 -70 Jahre Beginn der Euthanasie-Verbrechen in Deutschland
  4. Einladungsflyer: Erinnerungskultur an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes – Geschichte der Medizin in Homburg in den Jahren 1933-1945 – Symposium am 13, Februar 2016
  5. Brief von Magdalene Huwig an Prof. Matthias Montenarh und Prof. Michael D. Menger: Zusammenfassung v.a. des Vortrags von Dr. Susanne C. Knittel am 13. Februar 2016 und Ausblick
  6. http://www.gegen-vergessen.de/initiativen/detailansicht/article/gedenkstätte hadamar.html-
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4.

Der Ball (Jutta Fantes)

Traurig blickte sie ihren Freundinnen nach, wie sie die Treppe hinunterhüpften, hinein in die sonnenbeschienene Straße.

Wieder einmal durfte sie nicht mit.  Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, diesen neuen Ball, der so hoch springen sollte, kaufen zu können.  Ihren Ball selber aussuchen, in der Hand halten – ihren Ball, der nur auf sie wartete.

Statt dessen stand sie da, den Scheuerlappen in der Hand, wie jeden Samstag nach der Schule, mit kalten, roten Fingern in der kalten, weissgekachelten Metzgerei, wo blutverschmierte Messer darauf warteten, von ihr abgewaschen zu werden.  Wo die kalte Theke erwartete, von Fleisch- und Wurstresten, Fettschmieren und Finger- und Nasenabdrücken gereinigt zu werden.  (Wie sie diese Theke, dieses gefräßige Monster mit weitaufgerissenem, kaltem Maul hasste.)  Sie musste sich immer halb hineinhängen, verlor den Boden unter den Füßen, kotzte fast vor Ekel, träumte vom Großsein.  Kalter, weißer Marmor, kaltes, weißes Eis – hinter grossen Scheiben blauer Himmel, Hitze und Sonnenschein.

 

Scheuernd dachte sie an ihren Ball.  Hoffentlich suchten die Freundinnen den Richtigen aus.  Die richtige Farbe vor allem, sie hasste grün.  Rot, dachte sie, sicher würde ihr Ball rot sein.

Sie stellte sich vor, wie drei Mädchen in dem Korb mit den kleinen Bällen wühlten, um ihren eigenen Ball zu finden.  Dann, am Schluss, würden sie den vierten Ball herausnehmen, nicht liebevoll und mit Vorfreude aufs Spielen ausgesucht, das war ihr schon klar, sondern einfach nur gegriffen, ohne Beziehung, ohne Liebe, ohne wirklich zu schauen – einfach nur in den Korb gegriffen und den Einen willkürlich herausgefischt.  Irgendeinen Ball, sicherlich nicht ihren Ball.  Und sie scheuerte, wischte, trocknete ab.  Räumte die Messer zur Seite.  Und hatte Angst um ihren Ball.

Die Aufschnittmaschine musste sie noch nicht abwaschen, das war zu gefährlich, sie war noch zu klein.  Die scharfgeschliffene Scheibe hätte ihr die Finger abschneiden können, mit Leichtigkeit.  Die Fingerspitzen würden dann da liegen, wo sonst die Wurstscheiben hinfallen, dachte sie.  Sie stellte sich die abgetrennten Finger vor, würden sie eigentlich bluten? Die Hand, ja, sie würde mit Sicherheit sehr bluten.  Aber die abgeschnittenen Fingerspitzen, da ist nicht so viel drin, da kann eigentlich nicht so viel auslaufen, dachte sie.  Sie warf einen schrägen Blick auf das Edelstahlmonster, das alles in hauchdünne Scheiben zerlegte und plötzlich gruselte es ihr.

„Träumst du schon wieder? Jetzt mach schon!  Ich kann erst mit dem Putzen anfangen, wenn du endlich fertig bist.  Hast du den Kühlraum schon ausgewaschen?  Nächste Woche ist die Kühltruhe auch dran.  Die ist komplett vereist!“  Die Stimme ihrer Mutter unterbrach ihre Studien.

 

Mittlerweile schrubbte sie den Holzklotz, sie hasste ihn, er war zwar nicht so kalt wie der Rest im Laden, aber er war schmierig.  Schmierig vom Fett der Tiere, die darauf zu Kotelett zerhackt wurden.  Zu Kotelett und „Hast du vielleicht noch einen schönen Markknochen für die Suppe?“ und „Ja, schneide mir davon die Hälfte ab, es ist ein sehr schönes Bruststück!“.

 

Die Eisenbürste kratzte über die konkave Oberfläche des Holzklotzes und kleine, fettige Holzribbel sprangen auf und spritzten in die Gegend.  Bei ihrer Mutter spritzten sie nicht so durch die Gegend, da blieben sie brav und feinsäuberlich am Rand liegen, als hätten sie Angst davor, herumzuhüpfen.  Vielleicht war es aber auch nur, weil ihre Mutter größer war und viel mehr Kraft hatte.  Bei ihr, der Kleinen, war es die Wut, die Wut auf den Holzklotz, die Wut auf die Theke, die kalten Finger, die Sonne, die draußen war, aber nicht drinnen, die Wut und der Ekel, wenn die abgeribbelten Teilchen ihr ins Gesicht sprangen, diese Wut und der Ekel waren es, die am Ende die eisernen Borsten zwangen, Fussball zu spielen.

Und wieder ein neuer Angriff der gegnerischen Mannschaft.  (Das Tor – die Kacheln gegenüber.)  Sie waren schwer zu treffen.  Das andere Tor war ihre Schürze, das Aus ihr Gesicht.  Ganz langsam nahm die Bürste Anlauf, die Borsten sträubten sich etwas, bogen sich dann doch in die Gegenrichtung, krallten sich am Holz fest.  Bei der richtigen Geschwindigkeit musste sie nur ein kleines bisschen vorne anheben und die Eisenbeine schossen nach vorne und – eine ganze Ladung Bälle ergoss sich ins Tor.

„He, sag mal, spinnst du?  Kannst du nicht aufpassen?  Ich habe die Kacheln doch schon abgewaschen !  Das machst du jetzt sofort wieder sauber!“,  ihre Mutter, sehr ärgerlich.  „Außerdem ist der Klotz fast schon durch, bürste ihn ab.  Und mach voran, ich will heute noch fertig werden!“

Noch einmal in das schmierige, kalte Wasser fahren, den Lappen auswaschen – „das machst du falsch, die andere Hand gehört nach vorne, du drehst falsch herum.  Kein Wunder, dass das mit dir nichts wird!“ – als würde das etwas ändern, dachte sie, wusch gehorsam das Tor ab, das im gleichen Moment wieder zu kalten, weißen, sauberen Kacheln wurde.

Der Kühlraum sei jetzt sauber. Gott sei dank!  Sie war zu langsam, bekommt sie wieder zu hören, sie sei sowieso immer faul und langsam, deshalb musste sie, die Mutter,  den Kühlraum selber auswaschen.  Das mache sie, der Unnütz, mit Sicherheit immer alles extra!

Ist sowieso nicht mein Kühlraum, dachte die Kleine aufsässig, ist dein blöder Kühlraum!  Sie hasste diesen kalten, begehbaren Kühlschrank.  Sogar im Sommer war es eine Strafe, ihn abwaschen zu müssen.  Ein rotgekachelter Raum, abgeschlossen vom Rest der Welt, ohne Fenster, mit brummender, vereister Kühlmaschine und Tierleichen.  Nein, mit Teilen von Tierleichen, Hälften, Beinen, Herzen, Lebern, Lungen.  Gut, dass ihre Augen nach dem Schlachten immer schnell im Müll landeten  –  meistens jedenfalls, denn manchmal lag so ein großes, rundes Auge irgendwo im Hof herum und guckte sie an.  „Gestern hast du armes Auge noch geguckt, heute siehst du nichts mehr …“ dachte sie dann oft traurig, hatte einen Kloß im  Magen und Ekel im Mund.

„Ich putze vor, du wischst nach, dann sind wir schneller fertig und können im Anschluss gleich die Küche putzen! Los jetzt, mach!“

Natürlich drehte sie den Putzlappen wieder falsch herum beim Auswringen, es kostete sie immer eine enorme Kraft, dieses widerborstige Ding wollte nie, wie sie wollte.  Sowieso machte sie fast immer alles falsch.  Sie verstand nicht, wieso, sie versuchte wirklich, alles gut zu machen, so, wie es von ihr erwartet wurde, aber es ging meistens alles schief.  Irgendetwas stimmte wohl nicht mit ihr.

Da, endlich, Kinderlachen – ihre Freundinnen.  Sie jauchzten vor Freude, sprangen ihren Bällen hinterher, die sich erlaubten, egal wohin zu springen, gerade so, als wären sie lebendig.  Sie kamen schüchtern in den Laden und gaben ihr ihren Ball. „Hier, Juli, hier ist er.  Kommst du auch bald nach draußen?“ Fragende, scheue Blicke auf die Mutter gerichtet. Der Ball ist kleiner, als sie erwartet hatte, nur so groß wie ein Schweineauge, außerdem weiß, mit roter und blauer Äderung.  Ein bisschen sah er auch aus wie ein Schweineauge.  Enttäuscht schloss sie ihn ein in ihre Hand, fühlte seine Zartheit, seine Wärme und die enorme Festigkeit. „Eigentlich“, dachte sie, „eigentlich kannst du ja nichts dafür, dass du so hässlich bist, dass du aussiehst wie ein totes Auge und nicht viel Farbe abgekriegt hast!“  Und plötzlich wurde ihr ganz warm ums Herz.  Sie ließ den Ball vorsichtig in ihre Schürzentasche gleiten, liebkoste ihn noch einmal, und, glücklich den Putzlappen auswaschend, dachte sie: „Wir hatten Glück, wir zwei, wir haben uns gekriegt.  Sie haben den Richtigen gefunden, du bist mein Ball!“

 

 

 

Leichenwagen abgeschleppt (Sabine Moritz)

Das war eine Übung im Seminar „Kurzgeschichten schreiben“ der VHS Trier von Lothar Schöne. Aufgabe: aus 18 Kurzzeitungsmeldungen sich eine heraussuchen und eine Kurzgeschichte daraus machen. Aufbau: Problem, Lösung, überraschendes Ende Zeit: 15 Minuten.

Eine Zeitungsmeldung in einer Madrider Tageszeitung lautete:

„Leichenwagen abgeschleppt“

Und lakonisch stand darunter nachzulesen:

>>>Sehr genau hat es am Samstag, die Polizei von Madrid genommen und selbst nicht vor einem Leichenwagen haltgemacht, als dieser vermeintlich in einem Parkverbot stand. Gnadenlos ließ sie das Gefährt durch das örtliche Abschleppunternehmen aus dem Weg schaffen. Auch Tote haben keine Sonderrechte. <<<

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Alfredos Frau war letzte Nacht gestorben und seither grübelte er darüber nach, wie er ihr ein anständiges Begräbnis bezahlen könnte. Wie es üblich war, hatte er zunächst den Leichenbestatter gerufen, der in Funktion eines amtlichen Leichenbeschauers offiziell den Tod seiner Gemahlin bestätigen musste. Nachdem der freudlose Mann seine Pflicht getan hatte, rief Alfredo ein Beerdigungsunternehmen an, dessen Nummer er vom Leichenbestatter erhalten hatte. In dem Moment, als er gerade den Telefonhörer wieder abgelegt hatte, wusste er, was er tun musste, um auf Umwegen zu einer ordentlichen Bestattung seiner Frau zu kommen.

Der Leichenwagen stand erst eine kurze Weile vor seinem Haus, da erschien bereits ein Abschleppwagen mit der Verkehrspolizei von Madrid und nur wenige Zeit später rollte das dunkle Gefährt des Bestatters aufgebockt von dannen.

Alfredo tobte, schimpfte und drohte dem Bestattungsunternehmen und der Stadt wegen dieses Vorfalles, bis keiner mehr wagte ihm Paroli zu bieten.

 

Sonntag, fünf Tage nach dem Tod seiner Frau. Alfredo stand nun allein am Grab, noch immer den tief Trauernden für ferne Beobachter gebend. Sehr zufrieden mit seiner Glanzleistung an Schauspielkunst am Todestag seiner Gemahlin blickte er unbemerkt von zufälligen Beobachtern befriedigt lächelnd auf ein Meer an Blumen. Die Verkehrspolizei wollte sich damit für dieses dumme Missgeschick entschuldigen, nach der Anzeige eines anonymen Anrufers, einen Leichenwagen als Falschparker abgeschleppt zu haben.

 

Sabine Moritz, 2011

 

Zwei Freunde (Anita Koschorrek-Müller)

Seit meiner Kindheit verband mich mit den beiden ein inniges Verhältnis. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten verstanden wir uns blendend. Wir waren richtig gute Freunde geworden. Ich wusste, was ich von den beiden zu halten hatte und gemeinsam gingen wir über Jahre, nein, Jahrzehnte, durch dick und dünn. Eine harmonische Verbindung, die jedoch mittlerweile etwas problematisch wurde. Bisher funktionierte das Zusammenleben mit den beiden fast reibungslos. Sie waren zur Stelle, wann immer sie gebraucht wurden und ich wusste das auch zu schätzen. Es fing mit Kleinigkeiten an, die das Zusammenleben störten. Die zwei Freunde waren nicht mehr bereit, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stehen.

Ich fragte mich, warum es mit den beiden auf einmal nicht mehr so gut funktionierte? War es meine Schuld? Hätte ich diese Freundschaft mehr pflegen müssen? War alles schon zulange zu eingefahren? Vielleicht brauchten sie etwas Abwechslung? Sollte man die alten Pfade verlassen, weil man sich nach all den Jahren nichts mehr zu sagen hatte? Nein, das war es bestimmt nicht! Früher schritten wir mit einer Selbstverständlichkeit ohne zu klagen durchs Leben, die ihresgleichen suchte. Aber heute wurde alles kommentiert. Der eine quengelte neuerdings immer ein bisschen rum, und der andere, der Größere von den beiden, verstand es immer wieder zu sticheln und wurde ziemlich aufmüpfig.

Ich war ratlos, wenn ich an die gemeinsame Zukunft mit den beiden dachte. Sollte ich mehr auf sie eingehen oder sie besser ignorieren? Ich traf mich mit Bekannten und erzählte von meinen Schwierigkeiten. Viele konnten mitreden, hatten bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, und zeigten Verständnis. Auf keinen Fall sollte ich die Sache übergehen. Das könnte zur Folge haben, dass alles nur noch schlimmer würde. Manche würden im Alter eben komisch.

Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen und konsultierte meinen Hausarzt.

Der sah sich die beiden an und lobte meine Entscheidung zu ihm gekommen zu sein. Die Diagnose war erschütternd!

Der Arzt empfahl mir Einlagen. Meine Freunde wurden vermessen, erst der Rechte, der Größere von den beiden, dann der Linke.

Nach vierzehn Tagen wurden mir die Einlagen zugesandt. Ich steckte die Einlagen in meine Schuhe und es ging den beiden, nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, besser.

Die neuen Impulse taten der Freundschaft gut. Ich werde die zwei Freunde in Zukunft bei Laune halten, mit Sonderzuwendungen und ab und zu mal einem Wellness-Wochenende, in der Hoffnung, dass die beiden niemals auf die Idee kommen ihren Job an den Nagel zu hängen.

(erschienen 2012 in „Erfahrungsschatz“)

Weiße Begeisterung (Marina M.Kolomitchouk)

Sag doch nicht, du wirst ungerne wach

und es regnet Tag und Nacht im Lande.

Sieh doch selbst: Die silbernen Girlanden

strickt der Winter seit der Mitternacht.

 

Schieb nun weg den lästigen Vorhang,

lass die kühle Luft ins dunkle Zimmer…

Halte inne: Was für weißer Schimmer-

nah zum Greifen mit der bloßen Hand?

 

Die Geschichte weißer Spinnerei

sich entfaltet hinter der Kulisse,

scharfe Kanten werden zu Umrissen

dicht bestreut mit weißem Allerlei.

 

Deine Hand mit Flocken – glühendkalt-

tastet sanft die Stirn, berührt die Wangen,

an den weichen Lippen bleibt gefangen…

Himmlisch schmeckt die eisige Vielfalt!

 

Atme frische Luft in dich hinein!

Siehst du, wie die einsame Laterne

macht die Flocken zu den kleinen Kernen,

die beim Fliegen glitzern lupenrein.

„Die Lebenszeiten“ (Marina M.Kolomitchouk)

Die Lebenszeiten, trotzige Genossen,

von dem Umtausch sind ausgeschlossen.

Es hilft nicht nach den besseren zu suchen,

Sag nicht: „Rückwärts!“ – gebacken ist der Kuchen.

Es wäre dumm zu betteln und zu feilschen.

Sag nicht: „Vorwärts!“jetzt blühen deine Veilchen.

Und wenn die Seele reift, berechtigt sind die Tränen.

Die Rolle steht, du kannst sie nicht ablehnen. ­