Lore Ley (Magdalene Huwig)

Lore bürstet lange und ausgiebig ihr blondes Haar. Sie ist in Gedanken versunken. So lange schon sitzt sie auf diesem Felsen am Strom. Sie hat einfach keine Lust mehr. Sie will nicht länger den Vorstellungen  der Sage oder der Ballade entsprechen, die  Clemens Brentano geschrieben hatte. Sie will nicht mehr dem Ansinnen eines Gedichtes von Heinrich Heine nachkommen, das sie an dieser Stelle gebannt hält. (1)

Schon seit 2oo Jahren betrachten ihre Landsleute sie als Verführerin, als Frau, die sich aus verschmähter Liebe selbst vom Felsen gestürzt habe. Oder als Frau, die den Schiffern mit ihrem Gesang den Kopf verdreht haben sollte, bis diese schließlich im Strudel des Rheins ertrunken seien.

Immer diese LiebesVerführungsdramen und die ihr zugeschriebenen Rollen, in denen sie Verderben stiftet. Ungefragt war sie da hinein gezwängt worden. – Dabei hatten ihre Landsleute noch in ganz anderen Verführungsdramen mitgespielt. Und das war erst 8o Jahre her.

Lore legt die Bürste beiseite, als ihre Kopfhaut zu kribbeln beginnt. Eine Idee ist ihr gekommen, und die will sie ausführen. Sie steht auf, kommt etwas mühsam in Bewegung und macht sich auf den Weg bergab, ans Ufer des Rheins. Im Gewirr der Gassen des kleinen Städtchens findet sie ein Geschäft, das Tauchanzüge im Angebot hat. Der Zweiteiler, den sie anprobiert, passt wie angegossen. Die hübsche Blonde bezahlt die Kaution und die Leihgebühr und nimmt den blau-gelben NeoprenAnzug mit.

Am Ufer angekommen, zieht sie sich in einer der Kabinen um. Nun gilt es, voran zu hopsen. Sie hört schon ein Rauschen,  und bald sieht sie den Strom. Sie braucht sich nur noch die paar Stufen  mit Geländer hinab zu bewegen – und kann sich ins Wasser fallen lassen.

Zuerst gewöhnt sie sich an die kühle Temperatur. Ihr Anzug schützt sie vor dem unmittelbaren Kontakt mit dem Wasser. Die Strömung nimmt sie mit flussabwärts. Trotzdem muss sie schnelle Schwimmbewegungen machen, auch mit den Fußgelenken, um Lage und Richtung beibehalten zu können. Angst empfindet sie jedoch keine. Schließlich hat sie starke Arme, und ihre Beine gewöhnen sich schnell an den neuen Ablauf.

Als sie hochschaut, staunt sie. Ihr Blick wird schon in geringer Höhe aufgehalten. Eigentlich hat sie ja den Anblick alter Burgen und Klöster an den Hängen und auf den Höhen  der Berge genießen wollen. Doch zunächst zieht ein mehrteiliger Transport auf der Straße ihre Aufmerksamkeit an. Menschen umstehen das ungewöhnliche Gefährt. Es blockiert den Verkehr. Polizisten regeln die Weiterfahrt der ankommenden Autos. Lore legt sich etwas zur Seite, um besser sehen zu können. Was wird denn da transportiert? (2)

Ein ganzer Bus etwa? Nein, es sind zwei Teile. Und sie sind auch nicht schön farbig, sie sind nur dunkelgrau. Lore kommt es nun vor, als hätte dieses Geschehen sie herunter gelockt. Sie erinnert sich wieder an die böse Zeit vor 70 und mehr Jahren. Da waren solche Busse auf dieser Straße unter ihrem FelsenSitzplatz vorbei gerollt. Die Menschen, die den Aufstieg zu ihr geschafft hatten, sprachen im Flüsterton miteinander: „Die Grete haben sie jetzt auch abgeholt.“ Dem weiteren Gespräch war zu entnehmen, dass diese Grete geistig behindert gewesen war.  Und dass man sie in einem solchen Bus in eine Stadt namens Hadamar gebracht hatte. Dort waren sie und viele weitere, unterschiedlich  behinderte Menschen getötet worden, im Sinne der gedanklichen VolksVerführung nach dem Motto: „ Heilen  des Volkskörpers durch Vernichten.“ (3)

Seitdem waren mehrere Jahrzehnte ins Land gegangen. – Gut, dass Lore endlich die Kurve gekriegt und ihren Höhenplatz verlassen hat. Obwohl sie die Geschichte, die sich  unter der dunkelgrauen Farbe der Busteile verbirgt, bedrückend findet, fühlt die hübsche Blonde sich lebendig und zuversichtlich. Sie ist aktiv geworden, hat einen  Ausflug geplant und führt ihn gerade erfolgreich durch. Hier unten spielt sich das Leben ab. Hier kommt es zu Störungen.  Hier werden Verbindungen geknüpft zwischen früher und heute. Schon kommt ihr die Idee zu einem weiteren Ausflug. Sie will herausfinden, wohin die Busteile gebracht worden sind und sich dahin auf den Weg machen. Sie sind ja zu einem Mittel kultureller Erinnerung (4,5) geworden.

Langsam schaut Lore sich um. Auch auf dem Wasser ist viel Verkehr zu beobachten. Manchmal zuckt sie zusammen, wenn  das dumpfe Tuten einer Schiffssirene ertönt. Stets schwimmt sie in Ufernähe, lässt sich vom Wasser tragen. Als sie müde und hungrig geworden ist, interessieren sie  auch die Burgen und Klöster auf den Höhen der Berge nicht länger. Sie muss einen Ausstieg finden, dann kann sie das Wasser verlassen. Am besten über Treppenstufen mit Geländer. Festhalten muss sie sich ja schon. Das erfordert ihr Nixenanzug mit Schwimmschwanz.

Quellenhinweise:

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Loreley
  2. www.dasdenkmaldergrauenBusse.de
  3. Stöckle, Thomas: Das Denkmal Der Grauen Busse – Stuttgart 2009 und 2010 -70 Jahre Beginn der Euthanasie-Verbrechen in Deutschland
  4. Einladungsflyer: Erinnerungskultur an der Medizinischen Fakultät der Universität des Saarlandes – Geschichte der Medizin in Homburg in den Jahren 1933-1945 – Symposium am 13, Februar 2016
  5. Brief von Magdalene Huwig an Prof. Matthias Montenarh und Prof. Michael D. Menger: Zusammenfassung v.a. des Vortrags von Dr. Susanne C. Knittel am 13. Februar 2016 und Ausblick
  6. http://www.gegen-vergessen.de/initiativen/detailansicht/article/gedenkstätte hadamar.html-
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_T4.

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