Zwei Freunde (Anita Koschorrek-Müller)

Seit meiner Kindheit verband mich mit den beiden ein inniges Verhältnis. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten verstanden wir uns blendend. Wir waren richtig gute Freunde geworden. Ich wusste, was ich von den beiden zu halten hatte und gemeinsam gingen wir über Jahre, nein, Jahrzehnte, durch dick und dünn. Eine harmonische Verbindung, die jedoch mittlerweile etwas problematisch wurde. Bisher funktionierte das Zusammenleben mit den beiden fast reibungslos. Sie waren zur Stelle, wann immer sie gebraucht wurden und ich wusste das auch zu schätzen. Es fing mit Kleinigkeiten an, die das Zusammenleben störten. Die zwei Freunde waren nicht mehr bereit, mir zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung zu stehen.

Ich fragte mich, warum es mit den beiden auf einmal nicht mehr so gut funktionierte? War es meine Schuld? Hätte ich diese Freundschaft mehr pflegen müssen? War alles schon zulange zu eingefahren? Vielleicht brauchten sie etwas Abwechslung? Sollte man die alten Pfade verlassen, weil man sich nach all den Jahren nichts mehr zu sagen hatte? Nein, das war es bestimmt nicht! Früher schritten wir mit einer Selbstverständlichkeit ohne zu klagen durchs Leben, die ihresgleichen suchte. Aber heute wurde alles kommentiert. Der eine quengelte neuerdings immer ein bisschen rum, und der andere, der Größere von den beiden, verstand es immer wieder zu sticheln und wurde ziemlich aufmüpfig.

Ich war ratlos, wenn ich an die gemeinsame Zukunft mit den beiden dachte. Sollte ich mehr auf sie eingehen oder sie besser ignorieren? Ich traf mich mit Bekannten und erzählte von meinen Schwierigkeiten. Viele konnten mitreden, hatten bereits ähnliche Erfahrungen gemacht, und zeigten Verständnis. Auf keinen Fall sollte ich die Sache übergehen. Das könnte zur Folge haben, dass alles nur noch schlimmer würde. Manche würden im Alter eben komisch.

Ich ließ mir die Sache durch den Kopf gehen und konsultierte meinen Hausarzt.

Der sah sich die beiden an und lobte meine Entscheidung zu ihm gekommen zu sein. Die Diagnose war erschütternd!

Der Arzt empfahl mir Einlagen. Meine Freunde wurden vermessen, erst der Rechte, der Größere von den beiden, dann der Linke.

Nach vierzehn Tagen wurden mir die Einlagen zugesandt. Ich steckte die Einlagen in meine Schuhe und es ging den beiden, nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, besser.

Die neuen Impulse taten der Freundschaft gut. Ich werde die zwei Freunde in Zukunft bei Laune halten, mit Sonderzuwendungen und ab und zu mal einem Wellness-Wochenende, in der Hoffnung, dass die beiden niemals auf die Idee kommen ihren Job an den Nagel zu hängen.

(erschienen 2012 in „Erfahrungsschatz“)

3 Gedanken zu „Zwei Freunde (Anita Koschorrek-Müller)“

  1. Hallo Anita,
    ich denke, die Geschichte ist für „Erfahrungsschatz“ besonders geeignet, weil es einiger Erfahrung bedarf, die wichtigen Gliedmaßen entsprechend zu würdigen. Wenn man sehr jung ist, ist einem das oft nicht so bewusst, wie sehr man auf das gute Funktionieren der Füße angewiesen ist.
    Originell ist, dass Du die Füße personifiziert hast — wie so oft hast Du auch dieses Mal Kreativität bewiesen!

  2. Hallo Sabine,
    freut mich, dass dir die Geschichte über meine zwei Freunde gefällt, in der ich es vermieden habe, die beiden beim Namen zu nennen.

    Das Ende kommt schnellen Schrittes daher, und sollte nicht mehr sein als eine Fußnote.

  3. Hallo Anita,
    eine gelungene kleine Geschichte um etwas Alltägliches, das man viel zu selbstverständlich behandelt. Sprachlich sehr flüssig und durch die Ich-Perspektive auch für den Leser fast als eigene Erfahrung nachvollziehbar. Die Wendung der Geschichte ist wieder eine Überraschung, wie ich es schon von anderen Geschichten aus deiner Feder kenne. Im Ganzen finde ich die Kürze der Geschichte sehr gut, nur das Ende kommt mir etwas zu schnell (>>> und es ging den beiden, nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten, besser. <<>> Die neuen Impulse taten der Freundschaft gut. <<<), wie durch die neu gewonnene "Leichtigkeit" die Freundschaft eine neue positive Richtung nimmt. Und zum Schluß kommt dann die persönliche Konsequenz, wie man die Freundschaft zukünftig pflegen wird.

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