Alle Zeit der Welt (Anita Koschorrek-Müller)

Alle Zeit der Welt

Der Radiowecker schaltete sich ein. Sie drehte sich auf die rechte Seite und schielte zur Digitalanzeige: 06.15. Noch fünf Minuten hatte sie Zeit, dann musste sie aufstehen.

Seit sie selbst dafür verantwortlich war, pünktlich zu sein, ließ sie sich mit Musik wecken, immer fünf Minuten früher als nötig. Sie hasste Wecker, die schrille Wecksignale aussenden und Leute, die beim ersten Ton mit beiden Beinen aus dem Bett springen und laut singen. Die fünf Minuten waren ihr heilig. Sie reckte und streckte sich, genoss die wohlige Wärme in ihrem Bett. Dabei dachte sie an den vor ihr liegenden Arbeitstag, manchmal schon an den Feierabend oder an gar nichts.

Heute empfand sie während dieser fünf Minuten eine gewisse Anspannung, denn sie hatte sich etwas vorgenommen. Sie wollte einen Kollegen zur Rede stellen.

Dieser Kollege hatte einen Verbesserungsvorschlag, ihren Verbesserungsvorschlag, dem Chef vorgetragen und die Lorbeeren dafür geerntet. Gestern, kurz vor Feierabend, erfuhr sie davon. Sie sah noch, wie er mit dem Chef den Fahrstuhl bestieg und der ihm anerkennend auf die Schulter klopfte. Diese hinterhältige Niete hatte das schon öfter praktiziert und sich die Ideen anderer Leute zu Nutze gemacht. Eigene Geistesblitze hatte dieser minderbemittelte Strohkopf nur äußerst selten. Er war eben keine große Leuchte. Sie wusste, dass er auch immer wieder versuchte sich beim Chef einzuschleimen. Meistens nutzte er dazu die Zigarettenpausen im Raucher-Kabinett, einem kleinen Raum am Ende des Ganges, denn der Chef war Raucher. Man traf sich dort auf eine Zigarette und bei der Gelegenheit versuchte dieser Stinkstiefel sich beim Chef lieb Kind zu machen. Sie war Nichtraucherin und bekam daher nie genau mit, was da alles geredet wurde, aber sollte sie deswegen mit dem Rauchen anfangen? Sie hatte zwar ihre Quellen und wusste von ihrer Freundin Tina, einer Raucherin, wie dieser falsche Fuffziger seine Schleimspur legte. Jedes Mal, so wurde ihr berichtet, wenn er ganz zufällig den Chef dort traf, bot er ihm sofort eine Zigarette an, was er bei den Kollegen seiner Gehaltsklasse nie tat, erkundigte sich nach dem Befinden der werten Gattin und nach den schulischen Erfolgen der Sprösslinge. Traf man sich ohne Chef zur Zigarettenpause versuchte er regelmäßig bei seinen Kollegen Zigaretten zu schnorren. Er behauptetet dann seine Zigaretten in der Schreibtischschublade vergessen zu haben. Tina hatte ihm schon mal, während der Zigarettenpause, kumpelhaft auf die Brust geklopft und dabei sein Zigarettenpäckchen platt gedrückt. Aber irgendwie musste er ja die Zigaretten für den Chef einsparen, dieser knickerige Pfennigfuchser.

Heute Nachmittag war ein Mitarbeitertreffen der Abteilung angesetzt. Dabei würde sie ihn vor allen Anwesenden zur Rede stellen, einschließlich Chef. Da sollte er Farbe bekennen, diese intrigante Pfeife. Sie hatte so eine Wut im Bauch! Sie würde ihn fertig machen, vor allen Leuten runterputzen.

Oh Schreck, die fünf Minuten waren schon vergangen, es waren zehn Minuten daraus geworden. Die Zeit, die sie morgens brauchte bis sie das Haus verließ, war knapp bemessen. Jetzt musste sie sich wegen dieses scheinheiligen Patrons auch noch abhetzen. Aber Kopf hoch, heute würde sie die Schlacht schlagen und sich für alles rächen, was ihr dieser verlogene Armleuchter bisher angetan hatte, einschließlich der versauten fünf Minuten.

Sie hatte Feierabend und fuhr nach Hause. Es war alles anders gekommen, als sie es sich heute Morgen ausgemalt hatte. Den ganzen Vormittag hatte sie nach dieser Dumpfbacke Ausschau gehalten, aber er war ihr nicht über den Weg gelaufen. Zur Mitarbeiterbesprechung erschien er auch nicht. Laut Informationen des Flurfunks war er krank. Hatte ein Attest für zwei Wochen. Windpocken! Das juckt! Gott ist gerecht!

Alles, was sie sich vorgenommen hatte, war verpufft. Nichts hatte sie erreicht und ihre Wut war verraucht. Er würde mindestens vierzehn Tage, eher noch länger, nicht ins Büro kommen. Sie war sich nicht sicher, ob es ihr gelingen würde, ihre Wut auf einem möglichst hohen Level halten zu können bis dieser Blödmann wieder auf der Matte stand.

Der ganze Feierabend war von dem Gedanken vergiftet, dass sie heute Morgen fünf, ja sogar zehn Minuten ihrer kostbaren Lebenszeit, an diese linke Bazille verschwendet hatte. Sie setzte sich in ihren Lieblingssessel und haderte mit dem Schicksal. Auch die Windpocken konnten sie nur schwach über den missglückten Rachefeldzug hinwegtrösten. Sie überlegte, wie es ihr gelingen könnte, diesen Fiesling aus ihren Gedanken zu verbannen, zumindest für heute Abend oder am besten für die nächsten vierzehn Tage.

Im Wohnzimmerschrank, oberstes Fach, ziemlich weit hinten, hatte sie eine Schachtel Antidepressiva verstaut. Sie wusste, dass man von diesem Zeug süchtig wird, aber sie befand sich in einer ausweglosen Situation. Sie durchwühlte das besagte Fach, fand die Schachtel, setzte sich in ihren Sessel und riss mit fahrigen Händen die Verpackung auf. Hoffentlich war das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten. Das wäre fatal. Sie drehte und wendete die Schachtel und betrachtete sie von allen Seiten. Mit Genugtuung stellte sie fest, dass diese Frist nicht abgelaufen war. Ein Zettel fiel aus dem Karton, eine Produktbeschreibung, so etwas Ähnliches wie ein Beipackzettel. Sie nahm den Zettel in die Hand und was sie dort las, klang sehr vielversprechend. Vorsichtig öffnete sie die Schachtel, um zu verhindern, dass der Inhalt, der bei diesem Drehen und Wenden um das Haltbarkeitsdatum zu erspähen, eventuell in Unordnung geraten sein könnte, heraus purzelte. Sie betrachtete den etwas durcheinander geratenen Inhalt und ihr Herz lachte. Bedächtig suchte sie aus und entschied sich für Kir-Royal Trüffel in weißer Schokolade. Sie ließ alles langsam auf der Zunge zergehen. Dann wählte sie eine Weinbrandbohne, auch nicht schlecht! Ein absolutes Highlight war Rum-Butter Marzipan umhüllt von Zartbitter-Schokolade. Das waren Momente des Glücks. Sie liebte Marzipan über alles, für Marzipan würde sie sogar einen Mord begehen.

Eine Glas Rotwein dazu wäre nicht zu verachten. In der Küche stand noch eine angebrochen Flasche ihres Lieblingsrotweins. Der passte hervorragend zu dieser Schachtel Pralinen, 200 Gramm erlesenster Qualität.

Sie würde diesen Abend genießen, denn sie hatte alle Zeit der Welt.

 

 

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