Der kirschförmige Beruhigungssauger (Anita Koschorrek-Müller)

Heute wird das kleine Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen. Noch ein Dankeschön an die Schwestern der Säuglingsstation und es geht nach Hause. Zufrieden liegt es in der Tragetasche, im Mund einen rosa Schnuller.

Eine aufregende Zeit beginnt! Schritt für Schritt kommt eine gewisse Regelmäßigkeit in die Symbiose zwischen Mutter und Kind.

Schlafen, stillen, wickeln und der rosa Schnuller entpuppt sich für den Part „Schlafen“ als ein unerlässliches Accessoire. Mit der Zeit wird er jedoch etwas unansehnlich. Die Kautschukmasse geht langsam in einen Auflösungsprozess über, was durch das regelmäßige Auskochen noch begünstigt wird.

Beim nächsten Einkauf im Drogeriemarkt besorge ich Ersatz, einen Classic-Sauger, Größe 1. Aber siehe da, das neue Modell ist kiefergeformt und wird nicht akzeptiert. Was nun? Oma bekommt den Auftrag einen Schnuller in runder Form zu besorgen. Am nächsten Tag kommt die Oma mit einer ganzen Schnullerkollektion angereist. Nicht ein einziger besteht den Nuckeltest. Langsam bin ich genervt!

„Die kannst du alle wieder mitnehmen! Ich habe doch extra gesagt: RUND, nicht kiefergeformt!“

Oma rechtfertigt sich: „Im Laden haben sie gesagt, ich soll unbedingt die kiefergeformten Schnuller nehmen, sonst kriegt das Kind später eine Zahnspange!“

So ein Humbug! Was interessiert mich heute, was in 12 oder 13 Jahren ist! JETZT muss dieses Kind schlafen und ich auch! Der rosa Schnuller sieht inzwischen etwas unappetitlich aus. Verzweifelt, mit schlechtem Gewissen, stecke ich ihn in den Babymund und das Kind schläft augenblicklich ein.

Am nächsten Tag rufe ich im Krankenhaus an.

„Hallo, erinnern Sie sich noch an uns? Sie haben dem Kind damals einen runden Schnuller mitgegeben, keinen kiefergeformten. Können Sie mir vielleicht sagen, woher Sie diese Schnuller beziehen. Ich brauche dringend Nachschub. Würden Sie mir bitte die Adresse ihres Lieferanten geben?“

„Ach, Abgabe nur an Großkunden! Das ist ganz schlecht!“

Ich schildere meine verzweifelte Lage. Die Kinderkrankenschwester hat Verständnis. Sie bietet mir an, der Station einen Besuch abzustatten, natürlich mit Baby, man freue sich immer ehemalige kleine Patienten wiederzusehen, und dann bekäme ich, so unter der Hand, zwei neue Schnuller.

Nach einer Spende für die Kaffeekasse trete ich am nächsten Tag, im Besitz von zwei runden Schnullern, den Weg vom Krankenhaus nach Hause an. Das Problem ist zwar nicht gelöst, aber ein Aufschub ist auch etwas wert. Der Schnuller Nummer 1 fliegt in den Müll. Das Zeitpolster von zwei Schnullern muss genutzt werden, um eine neue Bezugsquelle aufzumachen, denn auch die beiden „Neuen“ gehen irgendwann den Weg alles Irdischen. Eine Freundin gibt mir den Tipp, mal bei einem guten Fachgeschäft nachzufragen.

„Hallo, führen Sie runde Schnuller in ihrem Sortiment, keine kiefergeformten?“

„Sie meinen kirschförmige Beruhigungssauger? Selbstverständlich führen wir die!“

Mir fällt ein Stein vom Herzen! Voller Zuversicht mache ich mich auf den Weg zu dem Fachgeschäft und kaufe den kirschförmigen Beruhigungssauger. Aber erst mal nur einen, denn das Teil ist riesengroß und bleischwer.

Der Schnuller wird akzeptiert, rutscht aber aufgrund des enormen Gewichts nach einigen Minuten aus dem Babymund. Das Geschrei ist groß!

Ich rufe beim Großhändler an, dessen Telefonnummer ich im Krankenhaus erfahren habe.

„Ach, Abgabe nur an Krankenhäuser und Apotheken ab 50 Stück. Danke für die Auskunft, Auf Wiederhören!“

Ich kontaktiere die Apotheke meines Vertrauens und wir einigen uns auf eine Bestellung. Wenn der Apotheker sie nicht los wird, nehme ich alle 50.

Erschienen im Sept. 2013 in der Seniorenzeitung „Erfahrungsschatz“ der Verbandsgemeinde Trier-Land.

3 Gedanken zu „Der kirschförmige Beruhigungssauger (Anita Koschorrek-Müller)“

  1. Ich finde die Geschichte wegen ihrer Unaufgeregtheit sehr gut. Es ist nicht leicht zu erklären. Es ist eine Situationskomik vorhanden, man muss einfach schmunzeln, andererseits ist sprachlich sehr gut geschrieben und trotzdem auf das Notwendigste an Ausschmückungen beschränkt. Die genervte Mutter würde es sicher anders sehen, aber ich hätte das jetzt schon fast trockenen Humor bezeichnet. Ich schließe mich aber Christine an, dass dem Schluß eine Pointe fehlt. Möglich wäre gewesen, dass wirklich sie die ganzen 50 hätte nehmen müssen und keiner angenommen worden wäre. In der Not aber dann der Trick in Kirschsaft getunkt selbst den Kiefergeformten die Aktzeptanz des Babys verschafft hätten.

    1. Liebe Christine, liebe Sabine,
      freue mich, dass euch die Schnullerprobleme der jungen Mutter angesprochen haben. Ja, ihr habt Recht, man hätte die Geschichte noch weiter ausbauen können. Da der „Erfahrungsschatz“, in dem die Geschichte vor einigen Jahren erschienen ist, nur über eine begrenzte Seitenzahl verfügt, musste ich meine Fantasie, wenn auch schweren Herzens, zügeln und die Geschichte zum Ende bringen. Der Leser sollte aber zumindest die Hoffnung haben, dass Mutter und Kind jetzt durchschlafen.

  2. Als Mama und Oma kann ich mich voll und ganz mit der „Problematik“ identifizieren! Die Geschichte ist sehr einfühlsam geschrieben, so dass man die Nöte der jungen Mutter vollkommen nachempfinden kann — vermutlich selbst dann, wenn man keine eigenen Kinder hat.
    Ich hätte mir aber einen originelleren Schluss gewünscht — vielleicht, dass der Schnuller im Krankenhaus „präpariert“ worden war oder es diesen gleichen nicht mehr gibt oder dass falsche in die Apotheke geliefert würden oder … Den Schluss empfinde ich als zu „einfach“, aber das ist mein ganz persönlicher Geschmack.
    Fazit: Eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt, wird hier sehr einfühlsam erzählt!

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